H-Soz-u-Kult Rezension von Nina Mackert, Uni Erfurt

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In ihrer Studie „Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen“ untersucht Miriam Gebhardt die sich wandelnden Vorstellungen frühkindlicher Sozialisation, ihre Weitergabe und Umsetzung von Expert/innen an Eltern und innerhalb von Familien im 20. Jahrhundert. Die Arbeit kreist um drei Fragekomplexe, die ich in dieser Rezension hervorheben möchte: Transfer von Wissen, Konzepte von Generation und ein historischer Zugriff auf Handlungsfähigkeit. Dabei setzt sich Gebhardt mit den Schnittstellen von Wissen und Handeln auseinander und ordnet sich implizit in das umkämpfte Terrain ein, auf dem nach dem ‚Eigensinn’ historischer Akteur/innen gesucht wird.

Die Autorin untersucht und analysiert zentrale Ratgebertexte und fragt, „wie das Wissen der Fachleute, der Kinderärzte, Psychologen und Pädagogen, in subjektives Wissen ‚übersetzt’ wurde“ (S. 17). Erziehungswissen wird nach Gebhardt „sowohl bewusst eingeholt als auch vorbewusst durch sozial Erlerntes innerhalb und außerhalb der Familie übernommen“ (S. 16). Aber familiäres Erziehungswissen fließt auch wieder ein in neues Expertenwissen. Gebhardt verortet diese Bewegung unter anderem in ihren zentralen Quellen – den Tagebüchern, in denen Eltern über das Aufwachsen ihrer Kinder, über Erziehungs- und Pflegepraktiken und bisweilen auch über ihre elterlichen Gefühle berichtet haben. Das Elterntagebuch ist für Gebhardt ein Genre, „an dem sich Diskurs und Praxis idealtypisch verschränken“ und damit ein „Ensemble von Schreibregeln und Sozialisationsnormen“ entsteht (S. 25). Eng damit verbunden ist die Frage der Handlungsfähigkeit von Eltern: „[W]as haben Mutter und Vater aus den vorhandenen Optionen ausgewählt, und wann bestand in der Weitergabesituation zwischen den Generationen die Möglichkeit, aus den vorgebahnten Phasen auszuscheren?“ (S. 16) Die Phasen waren nicht nur durch Expertinnenwissen strukturiert, sondern auch durch die Generationenfolge. Über ihre Untersuchung der Rolle der Generationen bei der Weitergabe von Erziehungswissen möchte die Autorin Konzepte von Generationen als „Abfolge von Einheiten“ hinterfragen, „in der jede [Generation] für sich wie eine Insel im Ozean der Zeit schwimmt“ (S. 12).

Gebhardt setzt historisch spezifisches Erziehungswissen in Bezug zu Aufzeichnungen in etwa 60 Elterntagebüchern aus dem gesamten 20. Jahrhundert. Die Arbeit ist chronologisch aufgebaut und unterscheidet drei zentrale Phasen: „Das beobachtete Kind“, „Das kontrollierte Kind“ und „Das eigene Kind“.

Während in der „Vorgeschichte“ zu Gebhardts Untersuchungszeitraum eher ein intellektuelles Interesse an Gesetzmäßigkeiten das Forschen zu frühkindlicher Sozialisation bestimmt hat, wurde im Zuge des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts stärker das ‚reale’ Kind in den Blick genommen. Ausgehend vom Gedanken, Kindheit zeige ein früheres Evolutionsstadium, wurde sie beobachtet und gemessen.

Für die zweite Phase identifiziert Gebhardt eine starke „sozialtechnische“ Nutzung der Elterntagebücher: Vor dem Hintergrund der hohen Säuglingssterblichkeit wurden Eltern über die Tagebücher kontrolliert und mussten einen strengen Zeitplan in der Säuglingspflege einhalten: Es gab nicht nur minutiös festgelegte Essens- und Schlafpläne, sondern auch „Schreizeiten“; Schreien galt nicht als emotionale Äußerung, sondern als eine Art instinktives Muskeltraining; das Kind wurde als prinzipiell passiv und gefühllos charakterisiert.

In dieser langen zweiten Phase, die laut Gebhardt bis in die 1960er-Jahre reichte, entwickelte sich die Vorstellung des „kindlichen Tyrannen“, der die elterliche Autorität bedrohe. Die Ratgeber suggerierten den Eltern, dass sie jederzeit vor dem Versagen stünden – und das kindliche Verhalten schien das zu bestätigen. In diesem Teil untersucht Gebhardt auch die Frage der Kontinuität von Vorstellungen frühkindlicher Sozialisation im Nationalsozialismus. Sie analysiert hier eine intensivere Ausprägung des psychologisch-medizinischen Wissens, das aber mit antirationalem Duktus vermittelt wurde. Zudem entdeckt sie eine „zunehmende Empfänglichkeit, man könnte auch sagen: Schwäche“ (S. 91) der Eltern gegenüber der Expertise.

Generell stand in dieser zweiten Phase als Sozialisationsziel die „Lebensbemeisterung“ im Vordergrund, also die Gewöhnung an die Härten des Lebens. Dass in der dritten Phase hingegen die Fähigkeit zur „Lebensgestaltung“ das primäre Erziehungsziel wurde, lag laut Gebhardt paradoxerweise genau in der massiven elterlichen Kontrolle und Abhärtung der Babies in der zweiten Phase begründet: „Das frühe Kontrollieren-Müssen stieß die besorgten Eltern geradezu auf ihr Kind. Dabei wurden sie notgedrungen auch aufmerksamer für dessen Bedürfnisse. […] Irgendwann ließ sich im engen Kontakt mit den Kindern die Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse nicht mehr vermeiden.“ (S. 236f.) Ohne dass das Erziehungswissen es schon zu ‚erlauben’ schien, ist die Nähe der Eltern zu ihren Kindern in der Nachkriegszeit gewachsen. Später tauchten dann Konzepte von „Mutterliebe“ in Ratgebern auf. Das Kind wurde vor dem Hintergrund eines neuen Menschenbildes zum Interaktionspartner der Eltern. Diese dritte Phase ist laut Gebhardt von einer Ausdifferenzierung elterlicher Handlungsmöglichkeiten geprägt; Expert/innenanweisungen wurden zunehmend in Frage gestellt.

Übergeordnet fragt Gebhardt nach einem „spezifisch deutschen Erbe“ in der Frage der frühkindlichen Sozialisation. Ob sie die Frage bejaht oder verneint, darin scheinen sich bisherige Rezensenten uneins zu sein.[1] Gebhardt weist darauf hin, dass die kinderzentrierte Entwicklung Deutschland viel später erreicht habe als die USA, betont aber auch, dass nicht von einer „Erziehung zum Untertan“ gesprochen werden könne. Zudem schildert sie in einem Kapitel zum DDR-Erziehungswissen, wie sich hier Konzepte von Kindheit und Elternschaft von denen in der Bundesrepublik unterschieden, nicht zuletzt durch differierende Geschlechterbilder.

Die Studie ist flüssig geschrieben und bietet nach einer gewissen Eingewöhnungsphase auch eine gute Leser/innenführung. Dass dieses Buch nicht nur für Wissenschaftler/innen lesbar ist, erscheint bedeutsam, weil Gebhardt aktuelle Rufe nach mehr Disziplin explizit in ihre Geschichte des Erziehungswissens einordnet. Sie begleitet ihre Analyse mit inspirierenden Beobachtungen über Änderungen in Form und Gestaltung der Elterntagebücher; die Verbindung von Expertenwissen und Elternhandeln macht sie sehr anschaulich.

Im Gegensatz zu ihren umsichtig formulierten programmatischen Anmerkungen in der Einleitung bleiben bei der Analyse der Fallbeispiele leider einige Unklarheiten bezüglich ihrer Konzepte von Generation, Diskurs und Normen, die zentral die Frage der Handlungsfähigkeit betreffen. So identifiziert Gebhardt beispielsweise einen „time lag“, also ein zeitlich verzögertes Ankommen des wissenschaftlichen „Normalisierungsschubes“ der Jahrhundertwende bei den Eltern, den sie damit erklärt, dass Expertenwissen und generationenspezifische Erziehungstraditionen kollidierten. Ihre Schlussfolgerung, der „gesellschaftliche Vorstellungswandel musste offenbar mit intergenerationellen Auseinandersetzungen erkauft werden“ (S. 155), bleibt dem von eben jenen Expert/innen kodierten Konzept von Generationen als altersmäßig strukturierten Entitäten verpflichtet. Statt Teil von Diskursen zu sein, erscheinen Generationen bei Gebhardt als unabhängige Deutungsmuster, die in einem unklaren Verhältnis zu Diskursen stehen (letztere setzt Gebhardt einstweilen synonym mit „intellektuelle[n] Moden“ [S. 37]).

Gleichzeitig begreift Gebhardt Expertise eher als Bevormundung und kaum als produktiven Prozess. Daher geraten Normen besonders dann in ihr Blickfeld, wenn von Kontrolle und Druck die Rede ist: Die stärkere Selbstreflexivität der Eltern, die sie für den Zeitraum ab 1970 analysiert, erscheint bei ihr weniger als Erziehungsnorm und mehr als Emanzipation von Normen der Erziehung und einer„Eigenständigkeit der Mutter gegenüber der […] Expertise“ (S. 188). So gerät ihre Darstellung bisweilen doch zur Fortschrittsgeschichte, obwohl Gebhardt dies explizit vermeiden möchte. Wenn sie für die 1970er-Jahre von „abstrakten Prinzipien“ spricht, „für die sich die Eltern bewusst entschieden hatten“ (S. 198), begreift sie Eltern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als zunehmend rationaler, selbstreflexiver und handlungsfähiger, problematisiert aber zu wenig den normativen Charakter eben dieser Handlungsfähigkeit. Äußerst spannend ist Gebhardts These, dass sich „das Verhalten der Säuglinge und Kleinkinder wirklich verändert hat“ (S. 117) und sich „der kindliche Körper“ als Reaktion auf „die zugespitzte Normierung und Erziehungswut“ (S. 118) gewehrt habe. Leider gerät die Erörterung dieser These sehr kurz, und Gebhardt ruft eher die Vorstellung ahistorischer, kindlicher „Bedürfnisse“ auf, die sie als konträr zu Sozialisationsmustern begreift.

Gleichwohl ist der Ansatz originell und wichtig. Miriam Gebhardts Studie liefert ein Beispiel dafür, dass ein neuer Blick auf Gesellschaft möglich ist, wenn scheinbar ‚private’, ‚natürliche’ Praktiken auf ihre gesellschaftliche Konstituiertheit befragt werden. Mit den Elterntagebüchern hat Gebhardt eine neue, aufschlussreiche Quellengattung entdeckt, die hoffentlich weitere Forschungsarbeiten anregt.

Anmerkung:
[1] Siehe die Rezensionen von Jürgen Nielsen-Sikora, in: Das Historisch-Politische Buch 57 (2009), S. 331f., und Heinz-Elmar Tenorth, Wer ist der wahre Zwingherr? Wickeln und kontrollieren: Miriam Gebhardt erkennt in der „Angst vor dem kindlichen Tyrannen“ die Tyrannei der Experten, in: Süddeutsche Zeitung, 21.12.2009, S. 12.
ZitierweiseNina Mackert: Rezension zu: Gebhardt, Miriam: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert. München 2009, in: H-Soz-u-Kult, 30.04.2010, .

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