Als die Soldaten kamen – Radiointerview auf Deutschlandfunk

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3 Kommentare zu Als die Soldaten kamen – Radiointerview auf Deutschlandfunk

  1. Sehr geehrte Frau Gebhardt,
    zuallererst Dank und Respekt zu Ihren Forschungen und Ihrem Buch ALS DIE SOLDATEN KAMEN. Drei kurze und wie ich hoffe nützliche Anmerkungen.
    1) Ihnen sind sicherlich Hans Peter Duerrs Forschungen MYTHOS VOM ZIVILISATIONSPROZESS bekannt. Besonders brauchbar für Ihre gender-kulturhistorischen Fragestellungen scheint mir Band 3 OBSZÖNITÄT UND GEWALT zu sein, aber auch die übrigen Bände.
    2) Die Problematik der Folge-Traumata bis in die 4. deutsche Generation aufgrund Gewalt, Verbrechen und Schuld stellte sich mir mit Stil und Inhalt der seit 2008 bis 2015 neuen Welle an Russenhass und Propaganda bei den deutschen Eliten und Medien – als Tätererben. Bei 28 Mio sowjetischen Kriegstoten, darunter max. 10 Mio Militärs und 18 Mio von deutschen Männern ermordete Zivilisten (ohne die 5 Mio Hungertoten nach 1945 und die 10 Folgetoten aufgrund Verletzungen). Legt man Ihre Berechnungsvektoren zugrunde, so käme man bei – trotz unzureichender Systematik der sowjetischen und russ. Forschungen – auf horrend hohe Vergewaltigungszahlen sowjetischer Frauen und Kinder nicht unter 4-5 Mio. Wer die Väter der 200.000 in deutschen Zwangsarbeitslagern gestorbenen Babys und Kleinkinder waren – wird dabei nicht einmal eingerechnet (Natascha Wodin, SIE KAM AUS MARIOPUL/Leipziger Zwangsarbeiter Archiv). Das zum Thema „Vergewaltiger-Kriegsheimkehrer treffen auf ihre vergewaltigten Frauen, Mütter und Töchter“. Was für eine zivilisatorische Katastrophe. Das wirft ein düsteres Licht ganz anderer Art auf die Tabus und Verdrängungen der 50er bis 90er Jahre.
    3) Die Frage der Mitschuld der deutschen Frauen am Nazi-Raubmordsystem sollte in Zukunft – wenn gewollt – noch wissenschaftlicher und konkreter beschrieben werden, das ungewollte Abrutschen in Alibiaufrechungen bliebe ansonsten als Unterton. Quellen und Monographien liefern dazu seit Götz Aly HITLERS VOLKSSTAAT bis Nicholas Stargardt DER GROSSE KRIEG detailliert und akribisch aufbereitet.

    Noch einmal Dank und weiterhin viel Erfolg,
    Erzpriester André Sikojev
    RUSSIAN ORTHODOX CHURCH OUTSIDE OF RUSSIA | Berlin

  2. Avia sagt:

    Ich wünsche dem Buch viele Leser/innen. Möge es dazu beitragen, dass man in den Familien die noch lebenden Frauen um die 90 befragt, darüber was sie selbst erlebt haben oder von anderen mitbekommen haben. Viele alte Menschen sind geistig noch sehr rege und auch bereit, zu erzählen, wenn man ehrliches Interesse zeigt.
    Ich selbst habe seit nun schon zwei Jahren geduldig meinen Vater befragt (bald 90, geistig vollfit), er wollte erst nicht (hatte zuvor auch niemals etwas vom Krieg erzählt). Ich ließ aber nicht locker und meinte, er soll für die Nachfahren was berichten, damit sie nicht nur auf Geschichtsbücher angewiesen sind, er hätte doch sehr direkt als Zeitzeuge etwas erlebt. Darauf hin hat er sich doch noch erinnert, eigentlich mehr als mir lieb war. Und als ich schließlich merkte, dass er kein „Ewiggestriger“ war sondern sehr kritisch der eigenen Geschichte gegenüber, da hörte ich auch besser zu.
    Viele scheinbar unwichtige Details sind von ihm so nebenbei erzählt worden, ich nenne nun eins, weil es zu dem Buch von Miriam Gebhardt passt und mir darum wieder bewusst wird:
    Anfang Mai 1945 bei der Aufnahme in ein amerikanisches Lager an der Elbe, kamen zwei Wehrmachtshelferinnen verstört und hilfesuchend zu den schon lagernden gefangenen Soldaten und erzählten, sie wären vergewaltigt worden. (Ich hatte nicht nach der Lage von Frauen gefragt, kam gar nicht auf die Idee, es war freie Erinnerung meines Vaters, das Ereignis hatte ihn offenbar so bewegt, dass er sich das gemerkt hat) Mein Vater kommentierte das Ereignis in seiner Erzählung so: „Aber was hätten wir denn machen sollen?“
    Man hat so etwas einfach ohnmächtig hingenommen, weil man ja der Besiegte war.

    Ich selbst habe ca. 1960 als Kind Frauengespräche mitgehört, da hat eine Frau in unserem Wohnhaus von ihren Kriegserlebnissen erzählt (war nicht für Kinderohren bestimmt, aber ich hörte eben doch alles mit, die diffuse Angst habe ich mir gemerkt bis heute), dass sie in einem Keller in München Angst vor den amerikanischen Soldaten gehabt hätten und die jungen Mädchen versteckt hätten.
    Und dass man die schwarzen Soldaten besonders bestraft hätte. Warum habe ich mir ausgerechnet diese Details so gut gemerkt?

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